26.11.15

Zu Besuch bei der Schwetzinger Zeitung

Immer unterwegs: Aus dem Alltag eines Berufsjournalisten

Morgens ab 9.30 Redaktionssitzung , dann Arbeiten am „news-desk“, an dem im kleinen Team Nachrichten ausgewertet und für die Zeitung bearbeitet werden, am Abend eine Gemeinderatssitzung, über die berichtet werden soll, zur Versammlung des örtlichen Karneval-Vereins wird es wohl dann nicht mehr reichen. Trotz des vollgestopften Terminkalenders hat sich der stellvertretende Redaktionsleiter der „Schwetzinger Zeitung“, Andreas Lin, Zeit genommen, um im Seminarkurs „Medien“ am Hebel-Gymnasium aus seinem Berufsalltag als Profijournalist zu berichten und Fragen der Schülerinnen und Schüler zu beantworten.

Die aktuelle Lage nach den Terroranschlägen in Paris und potentielle Gefährdungssituationen wie beim abgesagten Fußball-Länderspiel haben die journalistische Arbeit der letzten Tage beherrscht. Sie stellen für alle Medienmacher eine große Herausforderung dar. An Tagen mit solchen Ausnahmesituationen wird dann bis in die Nacht gearbeitet, um die sich überschlagenden Nachrichten zu sortieren, zu bewerten und für die Leserschaft aufzubereiten. Neben dem Informationsbedürfnis der Leser muss der Respekt vor den betroffenen Menschen bedacht werden. So lehnt Andreas Lin es ab, Kinder, die gerade traumatisierende Erfahrungen gemacht haben und noch unter Schock stehen, zu fotografieren oder zu interviewen. Dies gehört seiner Meinung nach unbedingt zu den Qualitätsansprüchen seiner Zeitung, die sich darin deutlich von manchen Boulevardblättern unterscheiden, die mit Sensationsgier und Papparazzi arbeiten.

Bei der Amoksituation an Schwetzinger Schulen im Sommer war es seine Aufgabe, live vor Ort zu berichten. Das sei emotional nicht einfach, gerade wenn man die gefährdeten Menschen kenne, meint Lin. Oft brauche ein Journalist ein gutes Fingerspitzengefühl, um zu entscheiden, was eine angemessene Berichterstattung in einer schwierigen und unübersichtlichen Situation sei.

Im Gespräch stellen die Schüler Fragen , so nach dem Presserecht und dem Ehrenkodex eines Journalisten.

Auch im Seminarkurs „Medien“ lesen nicht alle Teilnehmenden die Lokalzeitung, am ehesten noch den Sportteil, wie einige zugeben; mobil abrufbare Kurznachrichten sind da viel beliebter. Daher bietet die „Schwetzinger Zeitung“ gezielt „junge Themen“ an, erklärt der erfahrene Journalist, so die Berichterstattung zum lokalen „Song-Contest“ anlässlich des Jubiläumsjahres oder die Kinderseiten „Fred Fuchs“. Er selbst liest als erstes die Todesanzeigen der Zeitung und dann den geliebten Sportteil. Sport ist auch sein bevorzugtes Arbeitsressort, damit habe seine journalistische Arbeit angefangen, erzählt der Ex-Hebel-Schüler. Er berichte sehr gerne über sportliche Events, war auch schon bei internationalen Wettkämpfen dabei. Aktuell arbeitet er an einem längeren Artikel über Kevin Feucht, der 2013 am Hebel sein Abitur gemacht hat und nun als begabter Profifußballer in Kalifornien an einem Sportcollege studiert.

Das Schreiben sei das, was in seinem Beruf Spaß mache: eine gründliche Recherche, ein sorgfältig durchdachter Text. Daher bedauert er es, dass ein Journalist heute so viele Arbeiten selbst erledigen muss, für die es früher noch Fachkräfte gab, von organisatorischen Aufgaben in der Redaktion bis hin zur Korrektur und zum Lay-Out. Auch müsse er täglich unzählige E-Mails beantworten und den Facebook-Auftritt der Zeitung pflegen, der viel öffentliche Beachtung finde und ernst genommen werde.

Auf die Frage, was er an seinem Beruf schätze, antwortet er, dass es ein so spannender und abwechlsungsreicher Beruf sei. Man wisse am Morgen nie genau, was alles passiere. Seine Stärke sieht er darin, dass er gerne mit Menschen umgehe ,dass er neugierig sei auf ihre Geschichten. „Und was machen Sie, wenn Sie mal keine Lust haben oder gar eine Schreibblockade? fragt eine Schülerin. Da helfe dann die Routine, lacht er. Aber natürlich gäbe es gute und schlechte Tage.

Gefragt nach den journalistischen „Highlights“ in seiner langjährigen Berufspraxis verweist er auf die zentrale Lage Schwetzingens in der Metropolregion, die eine Begegnung mit vielen prominenten Gästen ermögliche; so habe er schon Interviews geführt mit Boris Becker, Michael Schumacher und anderen bekannten Sportlern, aber auch mit Promis aus der Musikszene , weiter verweist er auf Reisen in die Partnerstädte Schwetzingens nach Frankreich und Ungarn als journalistischer Begleiter.

Medien besitzen eine große Macht, das war das Fazit des Nachmittags. Sie beeinflussen die Leser, die bei Information und Meinungsbildung sehr stark auf eine authentische Berichterstattung und differenzierte Kommentare angewiesen sind. Eine Lokalzeitung wie die „Schwetzinger Zeitung“ hat sehr viel Einfluss in ihrem Verbreitungsgebiet, zumal es bei den Printmedien nicht mehr viel Konkurrenz gibt. Daher müsse ein guter Journalist seine Arbeit mit großer Verantwortung angehen, was er jeden Tag aufs Neue auch versuche, so das Schlusswort des Zeitungsprofis am Ende eines sehr informativen Nachmittags, der den Oberstufenschülern einen spannenden Einblick in die Welt des Zeitungsmachens gewährte.

 

Die Schüler des Seminarkurses Medien mit Reporter Andreas Lin
Die Schüler des Seminarkurses Medien mit Reporter Andreas Lin