18.06.18

„Wenn das Leben zum Tunnel wird, an dessen Ende alles schwarz ist.“: Autorenbegegnung mit Karin Kaci zum Thema „Cybermobbing“.

Dass ein Jugendlicher von Gleichaltrigen gehänselt, systematisch geärgert und ausgegrenzt wird, ist kein neues Phänomen. Wenn als Schauplatz dafür aber digitale Medien genutzt werden, also Cybermobbing grassiert, kann dies schnell unüberschaubare und unberechenbare Dimensionen annehmen.

Karin Kaci, eine junge deutsche Autorin mit armenisch-türkischen Wurzeln, hat in dem Roman „Homevideo“ das Thema nach einer gleichnamigen Filmvorlage spannend umgesetzt. Sie spricht von einem gierig wachsenden und wild wuchernden Virus, der – einmal im Umlauf – kaum noch zu stoppen ist: „Es gab keinen Notausgang und am Ende des Tunnels war es schwarz geworden. Er musste zurücklaufen.“ ( S.95)
Sachlich und doch mit großer Eindringlichkeit liest Karin Kaci ausgewählte Kapitel aus dem Jugendbuch vor. Sie erzählt die Geschichte des fünfzehnjährigen Jakob, eines sensiblen, eher unauffälligen Jungen. Er hat eine Familie, ist in der Schule integriert, seine Hobbys sind Skaten, Gitarre spielen und Filmen. Als seine Eltern sich trennen, gerät seine wohlgeordnete Welt immer mehr aus den Fugen. Sein ganz privates Filmtagebuch, das auch Intimes enthält, kommt durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle in falsche Hände. Der Neue in der Klasse, Henry, ist materiell verwöhnt, aber gleichzeitig in sozialer und ethischer Sicht verwahrlost, sodass er keine Grenzen achtet. Er stellt ohne Skrupel die brisantesten Videos Jakobs ins Netz, um den Jungen bloßzustellen. Eine immer größer werdende Lawine von Spott und Schmähkritik rollt über Jakob und erschlägt ihn schließlich.
Der Filmregisseur Jan Braren drehte den Film im Auftrag des Fernsehens nach einer wahren Begebenheit, lediglich das Ende spitzte er dramatisch zu, um die Zuschauer zu sensibilisieren und aufzurütteln.
Die im Multifunktionsraum des Hebel-Gymnasiums versammelten Schüler*innen der Klassenstufe 9 empfinden Buch und Film als durchaus realistisch, auch das Versagen der Erwachsenen, trotz der verstärkten Medienerziehung in der Schule, die sie begrüßen. Die jugendlichen Zuhörer sind in der Diskussion mit der Autorin zurückhaltend, fast scheu. Im Widerspruch dazu erzählen sie von „Tellonym“, einer derzeit recht beliebten Plattform im Netz, die Erwachsene oft gar nicht kennen. Dort ist es möglich, im Versteck der Anonymität ohne Konsequenzen anderen Usern zu antworten und sie zu bewerten. „Du bist hässlich!“ - Solche Kommentare seien an der Tagesordnung, erzählt eine Schülerin, auch Beleidigungen kämen sehr häufig vor. Gefragt, warum so viele das mitmachen wollten, meint sie, jeder wolle doch wissen, was andere von ihm denken. Und wenn es dann doch mal aus dem Ruder laufe, könne man ja immer noch blockieren oder löschen.
Gelöscht hat Jakob am Ende des Romans „Homevideo“ nur sein eigenes Leben. Zu mächtig war der Shitstorm mit seiner bösen Häme und Ausgrenzung, zu bitter das Zerbrechen der ersten, noch ganz zarten Liebe, zu sehr allein gelassen war er von den Erwachsenen, die mit ihren eigenen Problemen zu tun hatten.
Karin Kaci appelliert am Ende der Lesung, die Schulbibliothekarin Veronika Lippolt organisiert hatte, an die Schüler*innen, Grenzen zu erkennen und zu achten, selbst denken und nicht gedankenlos mit anderen mitlaufen und vor allem Empathie füreinander zu entwickeln, damit Jakobs Geschichte sich nicht wiederholen kann.

(Hanna Schwichtenberg)