08.04.19

Von Königinnen, 613 Geboten und bunten „Schabbesdeckeln“: Siebtklässler besuchen die Mannheimer Synagoge

„Woran erkennt ihr, dass dies eine Synagoge ist und keine Kirche?“,  will Marlies Studniberg, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Mannheim, von den Siebtklässlern des Hebel-Gymnasiums wissen, die zusammen mit ihren Ethiklehrerinnen Wiebke Eschenhagen und Hanna Schwichtenberg die Synagoge besuchen.  

Es gibt keinen Kirchturm, keine Glocken und keine Figuren oder Abbildungen von Menschen. „Ja, das Bilderverbot im Judentum ist so streng wie im Islam“, weiß ein Schüler. 
Die Siebtklässler erkennen manches, was sie im Unterricht gelernt haben, so zum Beispiel den siebenarmigen Leuchter. Marlies Studniberg erklärt mithilfe eines Fotos, dass auf  einem Relief des Titusbogens in Rom gezeigt wird, wie römische Soldaten einen siebenarmigen Leuchter als Beuteschatz aus dem zerstörten und ausgeplünderten Tempel in Jerusalem heimtragen. Seitdem gilt die Menorah als wichtigstes Symbol des Judentums. Ein weiteres Symbol ist der Davidstern, den die Schüler im Kuppeldach des Gotteshauses entdecken, der mit einem blau gewebten Teppich ausgestattet ist und sich in der Bauweise an orientalischen Vorbildern orientiert.
Vor dem Krieg lebten ca.7000 Juden in Mannheim, heute sind es nur noch 500. Die Mannheimer Gemeinde sei eine konservative Gemeinde, erklärt Marlies Studniberg, also keine orthodoxe, aber auch keine liberale. Deswegen gibt es in der Sitzordnung beim Gottesdienst immer noch eine strenge Geschlechtertrennung, allerdings setzten die Frauen der Gemeinde durch, dass sie nicht auf der weit entfernten „Frauenempore“ sitzen, sondern an beiden Seiten des Innenraums.
Inzwischen bekommen die Schüler einen Gebetsschal mit Schaufäden gezeigt, dessen traditionelle Farben weiß und blau Eingang in die israelische Flagge fanden. Weiter zeigt Marlies Studniberg einen kleinen Teil ihrer großen privaten Sammlung von kippot. Bei jedem wichtigen Lebensereignis, so bei der bar mizwa oder einer Hochzeit, gibt es oft eigene, extra für diesen Anlass genähte kippot für die Gäste.Das sind unsere „Schabbesdeckel“, meint Studniberg und lacht.
Im Osten  - nach Jerusalem gerichtet – steht der Schatz der Synagoge, der Thoraschrank, der mit silber-goldenen Reliefs reich verziert ist, die segnende Hände zeigen, die 10 Gebote und die goldene Stadt Jerusalem sowie den Spruch „Von Zion kommt die Thora und das Wort Gottes aus Jerusalem.“ Im Innern befinden sich die großen Thorarollen der Gemeinde, in prächtige Samtmäntel gewickelt und mit einer Krone versehen, da sie als Königinnen gelten. Im Jahresverlauf wird vom Vorleserpult aus die ganze Thora in Wochenabschnitten vorgelesen, traditionell in hebräischer Sprache. 
Marlies Studniberg erzählt noch vieles mehr, so von den 613 Geboten der Thora, die so schwer einzuhalten sind. Mit großer Kompetenz beantwortet sie alle Fragen der Jugendlichen und rundet so eine interessante Lehrstunde zum Thema Judentum ab.
„Meine Eltern haben überlegt, ob ich überhaupt mitgehen darf in eine Synagoge“, erzählt eine muslimische Schülerin. „Jetzt bin ich froh, dass ich hier war und alles gesehen habe. So können wir das, was wir in der Schule gelernt haben, auch besser verstehen.“

(Hanna Schwichtenberg, Ethiklehrerin)

Die prächtigen Thorarollen in der Synagoge.
Die prächtigen Thorarollen in der Synagoge.