13.04.19

Ohne Zeitung geht es nicht?! Andreas Lin gibt Einblicke in den Berufsalltag eines Lokalredakteurs

Nur wenige Jugendliche lesen regelmäßig eine Tageszeitung, viele finden auch im Elternhaus keine Zeitung mehr vor. Dass jetzt die AWO als Lesepatin ein Abonnement der „Schwetzinger Zeitung“ den Schüler*innen in der Lese-Ecke der Schülerbücherei zur Verfügung stellt, finden aber alle gut.

Gerne nutzen die Schüler*innen der 9b auch die Gelegenheit, dass Andreas Lin, stellvertretender Redaktionsleiter der Schwetzinger Zeitung, auf Einladung der Deutschlehrerin Hanna Schwichtenberg in die Klasse kommt. Der erfahrene Journalist arbeitet seit 32 Jahren bei der Lokalzeitung und gibt im Gespräch mit den Jugendlichen bereichernde Einblicke in seinen Berufsalltag.
Andreas Lin berichtet von seinem intensiven und oft langen Arbeitsalltag, so zum Beispiel beim Spargellauf, ebenso von spannenden Momenten, wenn Promis in Schwetzingen zu Gast sind. Hier verweist er auf den Fall Kachelmann, der bundesweite Beachtung fand und hohe Wellen schlug. 
Als Journalist erlebt man auch brisante und schwierige Fälle. Der Amokalarm an Schwetzinger Schulen war eine solche brenzlige Situation, in der es wichtig war, ruhige Nerven zu zeigen und mit Fingerspitzengefühl zu berichten. So hat sich Lin geweigert, weinende, noch unter Schock stehende Kinder zu interviewen, nur um Sensationslust zu befriedigen. Andererseits ist das Informationsbedürfnis der Menschen in solchen Lagen besonders groß, Lin erinnert sich an 60 000 Zugriffe in drei Stunden auf der facebook-Seite der Schwetzinger Zeitung.
Als Journalist, der mit großem Engagement seinen Beruf ausübt, ist ihm das Berufsethos sehr wichtig, allem voran die Wahrheitspflicht eines Reporters.
Auf die Frage, ob Journalismus sein Traumberuf gewesen sei, antwortet Lin spontan mit einem eindeutigen Ja. Sein Beruf sei oft spannend und voller Überraschungen, man könne nie am Morgen wissen, was nicht noch alles passiere an diesem Tag. Als fest angestellter leitender Mitarbeiter habe er eine stabile finanzielle Basis und die Möglichkeit, in der Redaktion die Zeitung entscheidend mitzugestalten. Natürlich mache nicht alles nur Spaß, es sei oft zu viel Organisatorisches zu erledigen, an den news desks und den Compterterminals. Er wünsche sich oft mehr Zeit für gründliche Recherche vor Ort und für das Schreiben. Schön sei die Begegnung mit vielen unterschiedlichen Menschen.
Am liebsten schreibe er über Sport und über Reisen, aber auch die Schulbesuche machen ihm Freude, da er da direkt die Anliegen der jungen Generation zu hören bekomme.
Schwierig sei es , über Themen zu schreiben, die die eigene Person selbst sehr emotional berühren, so als ein guter Bekannter trotz einer umfänglichen von der Presse unterstützten Typisierungsaktion den Kampf gegen seine Leukämieerkrankung verloren habe.
Leben Journalisten gefährlich? Auf diese Schülerfrage räumt Lin ein, dass weltweit der Beruf des Journalisten gefährlicher geworden sei, wie man an der Türkei gut sehen könne. Im lokalen Bereich gehe es aber meist ruhig zu, er erinnere sich an lediglich zwei Situationen, in denen er mit Mord-oder Gewaltdrohungen konfrontiert worden sei.
Manchmal müsse man auch mutig sein, eine Zeitung habe auch die Aufgabe, Kritik und Kontrolle auszuüben. Auch wichtige Personen, wie zum Beispiel Schulleiter, dürften da nicht ausgenommen werden. Wichtig sei aber, dass die Kritik sachbezogen bleibe und nicht gegen Personen ziele. Die Zeitung wolle zum Nachdenken anregen und Diskussionen anstoßen.
Haben Zeitungen im digitalen Zeitalter überhaupt noch eine Zukunft? Immer wieder klingt diese Frage an. Die Zahl der Abonnenten sinke, räumt Lin ein, aber Zeitungen seien notwendig, da das Informationsbedürfnis immer da sei und die Menschen auch das Recht auf differenzierte Information beanspruchen dürften. Und woher könnten gründlich recherchierte Informationen und Anstöße zu einer fundierten Meinungs - und Urteilsbildung kommen, wenn nicht von den seriösen Printmedien? „Ich denke schon, dass Zeitungen eine Zukunft haben“, pflichtet Drago ihm bei, „ob online oder als Printversion, das ist eigentlich egal.“
Am Ende bedankt sich die Klasse für eine lebendige und informationsreiche Lehrstunde zum Thema Zeitung. „Ich fand es schön, das Ali uns anhand zahlreicher Beispiele aus seinem Journalistenalltag einen Blick hinter die Kulissen des Zeitungsmachens gegeben hat“, zieht Julia ein positives Fazit.

(Hanna Schwichtenberg/Klasse 9b)