30.11.18

Kafka-Texte und ihr faszinierender Stachel: Experten geben einen Einblick in die Editions-Aufgabe

Kafka lockt ins Hebel: Das Interesse an dem Literaturabend, zu dem die Buchhandlung Kieser und die Deutsch-Fachschaft in das Hebel-Gymnasium sowie der Freundeskreis eingeladen hatte, war sehr groß. Als Referenten konnten die Kafka-Experten Prof. Roland Reuß und Prof. Peter Staengle gewonnen werden. 

Die beiden Heidelberger Philologen arbeiten bereits seit über 20 Jahren an einer Kafka-Ausgabe, die allein auf den Handschriften beruht. Das klingt einfacher als gesagt. Denn in Kafkas Nachlass finden sich fast 7000 Seiten, die teilweise weder endgültig formuliert noch geordnet sind. Auf ihnen wird sichtbar, wie der Schriftsteller mit der Sprache gerungen hat. Vieles ist durchgestrichen, später ergänzt oder bewusst noch ohne Reihenfolge abgelegt worden. Die üblichen Ausgaben, die in der Schule gelesen werden, basieren auf der Reihenfolge und Textfassung, wie sie Kafkas Freund Max Brod 1935 bis 1937 herausgegeben hatte.
Franz Kafka selbst hatte nur 600 Seiten seiner Aufzeichnungen veröffentlicht. Er war sehr selbstkritisch, unsicher und erklärte bezeichnenderweise seinem Verleger Kurt Wolff, dass er „dankbarer für eine Rücksendung eines Manuskriptes als für die Veröffentlichung“ sei. 
Schon die Geschichte des Nachlasses ist spannend: Nach Kafkas Tod 1924 hatte sein Freund Max Brod die gesamten Handschriften im Gepäck, als er 1939 vor den Nazis nach Tel Aviv floh. Später deponierte er die Seiten in einem Züricher Bankfach. Von dort kam der Nachlass nach Oxford, wo er größtenteils heute noch liegt. 1982 hatte das Literaturarchiv Marbach die Handschrift des „Process“ für die Rekordsumme von drei Millionen deutsche Mark gekauft. 
Peter Staengle erklärte außerdem, wie der Alltag das Schreiben Kafkas beeinflusste: Er war kein Berufsschriftsteller, sondern arbeitete Montag bis Samstag von acht bis 14 Uhr in der Versicherung. Nach einem vegetarischen Mittagessen und einer Pause ging sein Tag mit dem Schreiben bis in den späten Abend weiter. Dass er nie am Stück schreiben konnte, ist vermutlich ein Grund dafür, warum er seine Romane „Process“, „Schloss“ und „Amerika“ nicht fertiggestellt hat. Roland Reuß ergänzte: „Es lag Kafka nicht am Abschluss, sondern am Schreiben selber.“ 
Reuß demonstrierte an Beispielen, dass Franz Kafka unterschiedliche Heftformate benutzte, teilweise die Seiten herausriss, sortierte - oder eben nicht -, sein Schreibwerkzeug vom Bleistift zum Tintenstift wechselte oder auch die Erzählperspektive nachträglich änderte. Diese Informationen, die das Lesen und auch die Interpretation beeinflussen, gehen in einer „normalen“ Druckfassung natürlich verloren. Das aufmerksame Publikum – mit vielen Oberstufenschülern – erhielt einen beeindruckenden Einblick in die detailgetreue Arbeit der beiden Philologen.
Auf die Frage einer Schülerin, was an Kafka so begeistert, antwortete Reuß: „Als Schüler hat mich der Inhalt fasziniert. Je länger ich Kafka lese, desto mehr interessiert mich die Sprache. Man ist einerseits abgestoßen, andererseits will man es verstehen. Man hat einen bohrenden Stachel mit Widerhaken in sich.“
(Birgit Schillinger)

(Copyright Freundeskreis Hebel-Gymnasium) Peter Staengle und Roland Reuß gaben einen Einblick in die reizvolle und schwierige Aufgabe, Franz Kafkas Gesamtwerk herauszugeben.
(Copyright Freundeskreis Hebel-Gymnasium) Peter Staengle und Roland Reuß gaben einen Einblick in die reizvolle und schwierige Aufgabe, Franz Kafkas Gesamtwerk herauszugeben.