17.07.17

„Ich bin der Welt abhanden gekommen“ – ein literarischer Musikabend am Hebel-Gymnasium

Zu einem „Abend aus Musik und Poesie“ waren Schüler, Lehrkräfte, Eltern sowie die interessierte Schwetzinger Öffentlichkeit am 12. Juli 2017 ins Hebel-Gymnasium eingeladen. Der Musiksaal hatte sich in eine Art Kulturcafé verwandelt, bei dem Bistrotische mit Getränken, Salzgebäck und kleinen  Rosensträußchen ein freundliches Ambiente boten.  Das auf der Bühne gebotene Programm erforderte gleichwohl ein hohes Maß an Konzentration, es war keine leichte Kost.

„Wie kann man der Welt abhanden kommen?“ fragte Thuy Linh Ngo, die als Moderatorin durch den Abend führte. In ihrer Antwort führte sie an, dass dies durch äußere Umstände wie Krieg und Flucht geschehen könne, durch Gefangenschaft, aber auch durch Selbstabschottung nach außen, z.B. in virtuellen Welten. Das Ich könne sich verloren gehen, wenn es in Einsamkeit zu ersticken drohe oder wenn Hass die Seele auffresse, wenn Beziehungen zu scheitern drohten und das Ich keinen Sinn mehr im Leben sehen könne.

  Bei der musikalischen Lesung „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ am Hebel-Gymnasium wurden die Zuhörer tatsächlich an einen Abgrund zwischen Selbstaufgabe und Selbsterkenntnis geführt. Zu diesem besonderen kontemplativen Abend luden vergangenen Dienstag die Literatur-AG des Hebel-Gymnasiums unter der engagierten Leitung  von Hanna Schwichtenberg, zusammen mit den betreuenden Lehrkräften Thomas Cranshaw und Rainer Maria Meinicke, ein. Ausgehend von Konzertliedern der Klassik und Romantik, die meisterlich von dem Bassbariton Konstantin Wolff und dem Pianisten  Ulrich Murtfeld vorgetragen wurden, stellten die Schülerinnen und Schüler herausragende und sehr berührende Texte vor, die von Krieg und Flucht, Gefangensein, Mobbing, dem Verlust des Vertrauten und dem eigenen sinnlos erscheinenden Dasein handelten, wobei die poetischen Entwürfe mit den Liedtexten korrespondierten.  Dabei gelang es sowohl den Musikern als auch den jungen Autoren, in Tönen und Bildern scheinbar Unsagbares auszusprechen. Die Schülerinnen und Schüler der Literatur-AG ebenso wie die sichtlich beeindruckte Zuhörerschaft machten die Erfahrung, dass Kunst innere wie äußere Mauern zu sprengen vermag und so eine befreiende, manchmal sogar heilende Wirkung haben kann. So führte die Literatur-AG eindringlich vor Augen, dass es in einer Zeit großer Oberflächlichkeit, Entfremdung und Vereinzelung auch Hoffnung geben kann und zeigte einen Weg auf, der Leere zu entkommen: Sich künstlerisch mit der Welt auseinanderzusetzen, kann aus der Vereinsamung  heraus eine Brücke zum Du und zur Welt schlagen. Außerdem setzten sie gemeinsam ein Zeichen dafür, sich nicht nur mit oberflächlichen virtuellen Welten zu beschäftigen und auch den Menschen jenseits des Smartphonesbildschirms Beachtung zu schenken und sie in allem, was sie ausmacht, zu würdigen.

Das Schlusslied, das dem Abend den Titel gab – Friedrich Rückerts „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, vertont von Gustav Mahler und literarisch beleuchtet von Naema Keßlers Gedicht „Freiheit – ein Verräter“ und von Isabels Torres Text „nachträglich unerträglich“, fasste in seiner Ambivalenz noch einmal den Spannungsbogen des Themas zusammen: Der Mensch zwischen Einsamkeit und Hoffnung, zwischen Freiheit und der Sehnsucht  nach Zugehörigkeit, nach einem Himmel. Die Schülertexte verdeutlichten die Schutzmechanismen der oft vehementen  Abwehr und die große Verletzlichkeit des Ich bei seiner Suche nach menschlicher Nähe.

Das zahlreich erschienene Publikum würdigte die außergewöhnliche Leistung mit großem Applaus.

(Johanna Kraus, Hanna Schwichtenberg)

Ulrich Murtfeld ( Pianist), Konstantin Wolff ( Bassbariton), Max Kritter, Isabel Torres, Dana Vidak, Hannah Schwald, Idah Deipenbrock, An Ngo, Alexander Barthmes, Luci Marie Herzog, Rainer Maria Meinicke, Thomas Cranshaw, Naema Keßler, Hanna Schwichtenberg, Katharina Wagner, Thuy Linh Ngo, Laura Amato.
Ulrich Murtfeld ( Pianist), Konstantin Wolff ( Bassbariton), Max Kritter, Isabel Torres, Dana Vidak, Hannah Schwald, Idah Deipenbrock, An Ngo, Alexander Barthmes, Luci Marie Herzog, Rainer Maria Meinicke, Thomas Cranshaw, Naema Keßler, Hanna Schwichtenberg, Katharina Wagner, Thuy Linh Ngo, Laura Amato.