21.01.19

Besuch im „Beth-Chaim“, dem Haus des Lebens: Lerngang der Siebtklässer zum jüdischen Friedhof in Schwetzingen

„Warum müssen wir eine Kopfbedeckung tragen?“ fragt einer der Schüler. Kurt Glöckler, ehemaliger Lehrer am Hebelgymnasium und evangelischer Schuldekan, erzählt, dass ein männlicher Jude nach seiner Bar-Mitzwah im religiösen Sinne erwachsen ist und  damit alle Rechte und Pflichten eines Juden hat. Dazu gehört auch das Tragen einer „kippa“ in der Synagoge und auf den Friedhöfen.

Der jüdische Friedhof ist der älteste in Schwetzingen. Als die jüdische Gemeinde 1893 ein Grundstück außerhalb der Stadtgrenze kaufte, um dort „auf ewig“ einen eigenen Ruheplatz für ihre Toten anzulegen, befand sich der städtische Friedhof noch im Stadtzentrum - das Grab Johann Peter Hebels gibt davon noch Zeugnis. Erst später wurde auch der christliche Friedhof aus Platzgründen ebenfalls an die Stadtgrenze verlegt. Die Ruhe der Toten darf nicht gestört werden, daher bleiben jüdische Gräber auf unbegrenzte Zeit erhalten. Das Friedhofsgelände ist von einer Steinmauer umgeben, innen ist es weitgehend naturbelassen. Die Gräber haben keinen Blumenschmuck, oft sind sie von Efeu überwuchert, das Immergrün ist auch ein Symbol für die Ewigkeit, ebenso die Steine, die gerne als Erinnerungszeichen abgelegt werden. Diese Tradition geht auf die Nomadenzeit des Volkes Israel zurück, als die Toten in der Wüste begraben wurden. Man legte Steine auf die Grabstätten, um wilde Tiere davon abzuhalten, die Gräber aufzuwühlen, erklärt Kurt Glöckler den Siebtklässlern und ihrer Ethiklehrerin Hanna Schwichtenberg. Er ist ein profunder Kenner der Geschichte der Schwetzinger Juden und kennt hier alle Gräber, oft auch die Lebenswege der dort Begrabenen. Er zeigt uns das älteste Grab in der nordwestlichen Ecke des Friedhofs, das den Namenszug „Hünlein Springer“ enthält, der 1893 dort begraben wurde. Weiter erläutert er die Inschriften auf den Grabsteinen aus Granit oder Marmor, oft auch einfach aus Sandstein oder gar aus Beton. „Unvergessen wohnst du im Haus deiner Kinder“, heißt es da zum Beispiel. Die Schüler entdecken neben den hebräischen Inschriften und den Namen und Daten, die hier in deutscher Sprache in die Grabsteine gemeißelt sind, viele Symbole. Den Davidstern kennen sie aus dem Unterricht, andere erklärt Kurt Glöckler. Blumen stehen für ein blühendes Leben,ein Löwe für Kraft, er erinnert an den Stamm Juda. Segnende Hände sind etwas Besonderes, sie bedeuten, dass die Toten in diesen Familiengräbers Angehörige der „cohen“ sind, also der ehemaligen Priester, die allein berechtigt waren, im Gottesdienst den Schlusssegen zu sprechen. Sie gelten als Ehrenzeichen. Dass der Friedhof – auf hebräisch Beth-Chaim – Haus des Lebens heißt, verweist auf die Auferstehungshoffnung der Juden. Auf den Grabsteinen findet sich häufig abschließend der Segensspruch: „Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens.“ Jeder Grabstein erzählt eine Geschichte, Kurt Glöckler nimmt die Einladung gerne an, nochmals in die Schule zu kommen und den Schüler*innen einige der Lebensschicksale der Schwetzinger Juden zu erzählen, die hier begraben liegen. „Hier steckt viel Geschichte drin“, meint Leon am Ende der Führung. Und Johannes ergänzt: Das ist hier ganz anders als bei uns, es war interessant zu sehen, welche Beerdigungskultur die Juden haben. „Ja, es war informativ und kenntnisreich“, meint auch Santiago, mit Melina ist er sich einig, dass Herr Glöckler alles gut erklärt hat und dass sie wertvolle Eindrücke mitnehmen.

(Hanna Schwichtenberg, Ethiklehrerin)